Archiv

Zurück aus Berlin

Seit heute bin ich zurück von der Tagung von Der halbe Stern in Berlin und bin sehr beeindruckt, auch emotional noch ganz aufgerührt. "Gerührt, nicht geschüttelt", denke ich die ganze Zeit.

Der detaillierte Bericht folgt auf jeden Fall in den nächsten Tagen - fürs erste möchte ich hier einfach mal festhalten, dass ich die Veranstaltung wirklich sehr gut fand - obwohl ich letztendlich nur einen Tag lang dort sein konnte.

8.3.09 23:36, kommentieren



Wie angekündigt: Tagungsbericht.

Über eine Woche und einige Gespräche nach der Tagung hatten sich meine Gedanken so weit sortiert, dass ich sie aufschreiben konnte.

Das Tagungsprogramm ist für diejenigen, die es interessiert, ja sowieso online verfügbar. (Hier)

Hier nun mein Bericht:

Ich war nur am Samstag bei der Tagung anwesend (zusammen mit meiner Schwester); nachmittags habe ich an den Vorträgen C1 und C2 teilgenommen. Eigentlich hatten wir vorgehabt, auch am Sonntag noch zu kommen, aber da die Tagung am Samstag sehr lange dauerte, haben wir uns dann schweren Herzens umentschieden.

Insgesamt fand ich die Tagung ungemein beeindruckend: Sowohl inhaltlich, als auch in Bezug auf die Anwesenden. Religiöse Zugehörigkeit und Alter waren ganz unterschiedlich - ich würde schätzen, dass es zwischen den ältesten und den jüngsten Teilnehmer_innen einen Altersunterschied von ca. 60 Jahren gab. Einige hatten ein jüdisches Großelternteil, andere überwiegend jüdische Familien, einige waren auch nicht auf Grund ihrer eigenen Familiengeschichte dort.

Manche haben sich ganz persönlich und auch sehr offen geäußert, andere insbesondere inhaltlich beigetragen. Beides fand ich sehr spannend. Aber alles, was mich interessiert hat aufzuschreiben, würde einfach zu lange dauern. Daher notiere ich, anstatt chronologisch über die Tagung zu berichten, an dieser Stelle einfach einige der für mich wichtigsten Gedanken:

- Obwohl die Tagung ja eigentlich die Verfolgung von sogenannten „Halbjuden“ im Dritten Reich sowie die Situation der Nachkommen von diesen Menschen als Thema hatte, waren auch andere Menschen da, die nicht direkt zu dieser Gruppe gehören; sondern deren Interesse am Thema eher daher stammte, dass sie selbst – nach dem Krieg - ein jüdisches und ein nicht-jüdisches Elternteil hatten bzw. haben. Anscheinend gibt es bei dieser Gruppe „zwischen den Stühlen“, zu der ich auch gehöre, also wirklich Bedarf nach Austausch und Information, wie wir ihn mit unserem eigenen Vereinsprojekt schaffen wollen.

- Auch gefühlsmäßig war es für mich eine beeindruckende und wertvolle Erfahrung, mit der teiljüdischen Herkunft – zum ersten Mal wirklich bewusst – nicht „allein zu sein“. Bisher hatte ich immer das Gefühl, mir wird zwar verständnisvoll begegnet, wenn ich über die damit verbundenen Dilemmata erzähle, aber so richtig verstanden habe ich mich trotzdem selten gefühlt. Weder von der jüdischen, noch von der nichtjüdischen Seite.

Jetzt im Gespräch Menschen kennenzulernen, die nicht nur diese Erfahrung teilen, sondern auch – meinem Eindruck nach ohne, dass es viele Worte gebraucht hätte – die damit verbundenen Unsicherheiten verstehen, fand ich ganz großartig und erleichternd. Nach der Tagung bin ich bestimmt eine Woche lang fröhlicher und beschwingter durchs Leben gegangen.

- Alle Vorträge, die ich gehört habe, fand ich interessant; besonders herausheben möchte ich aber: die statistischen Informationen zu jüdisch-nichtjüdischen Ehen und Menschen in Deutschland zu Beginn und während der nationalsozialistischen Herrschaft; und den Vortrag der verschiedenen Kategorien, die die nationalsozialistischen Rassetheoriker mit den Nürnberger Gesetzen schufen (bei Beate Meyer); so detailliert hatte ich das bisher nicht gelesen oder gehört;

die Erkenntnis, dass Konversion in beide Richtungen schon seit 1500 Jahren einen Teil der christlich-jüdischen Geschichte bildet, und dass Konvertiten – auf beiden Seiten – eine spezifische, oft diskriminierte bzw. bedrohte Minderheit bildeten (im Vortrag von Johannes Heil); dies finde ich auch deshalb interessant, weil ich denke, dass ihre Situation zu der von teiljüdischen Menschen im 20. und 21. Jahrhundert Parallelen hat: der Zugang zu und das Verständnis für zwei Traditionen zum Beispiel, während der Status der Zugehörigkeit immer wieder - und von beiden Seiten - bedroht ist.

- Insgesamt beeindruckt hat mich die Offenheit, mit der verschiedene Vortragende und Teilnehmende über ihre eigene Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte, der Shoah und deren Folgen berichtet haben. Für mich war dieser Teil meiner Familie oft zwar ein Problem, aber ich hatte noch nie so sehr wie auf der Tagung das Gefühl, dieses Problem in mein Leben integrieren, mich wirklich damit auf eine bedeutungsvolle Weise beschäftigen zu können. Zu sehen, wie andere dies gelöst haben – durch therapeutische Arbeit, Mitarbeit in Vereinen, Gedenktstätten etc. – war deshalb anregend. Auch wenn ich noch nichts Genaueres beschlossen habe, werde ich in Zukunft nicht nur gedanklich und in Büchern, sondern auch durch Reisen, Veranstaltungen und ähnliche Aktivitäten mich weniger theoretisch damit beschäftigen; diesen Vorsatz habe ich von der Tagung auf jeden Fall mitgenommen.

Nachdem die Tagung nun schon zwei Wochen her ist, habe ich auch die Nachricht von Der halbe Stern e.V. erhalten, dass in die Vereinshomepage ein Internetforum integriert wurde. Dort werde ich mich auf jeden Fall auch registrieren und bin sehr gespannt auf den weiteren elektronischen Austausch; außerdem hoffe ich, dass es – wenn unser Verein gegründet ist – ein gutes Verhältnis und vielleicht sogar irgendwann eine Zusammenarbeit mit Der halbe Stern e.V. geben kann.

Bis auf weiteres kann ich jedenfalls allen, die an der Geschichte von Menschen teiljüdischer Herkunft in Deutschland interessiert sind, die Tagungsdokumentation von Der halbe Stern e.V. hier empfehlen; dort gibt es auch eine ausführliche Literaturliste zum Thema.

2 Kommentare 24.3.09 22:19, kommentieren

Nachtrag zur Tagung: Namensdebatte

Was ich ganz zu schreiben vergessen hatte: Nach der Tagung haben wir beschlossen, den zu gründenden Verein nicht nur satzungsmäßig, sondern auch dem Titel nach für Menschen mit jüdischem Vater oder jüdischer Mutter (und eben einem nicht-jüdischen Elternteil) zu öffnen. Das heißt, die Debatte um einen passenden Namen wird neu geführt ... derzeitiger Arbeitstitel ist

doppel:halb - Vereinigung von Menschen mit teiljüdischer Herkunft e.V.

 Da das Feedback dazu bisher aber nicht umfassend positiv war, sind andere Vorschläge auch gern gesehen. Sie müssten nur schnell kommen ...

2 Kommentare 30.3.09 19:27, kommentieren